Geschichte.
Die Geschichte dieser Stadt liesse sich vom Zentrum her erzählen, von dort, wo die politische Macht entstand und sich eingenistet hatte: im katholischen Kloster, bei den einflussreichen Reformatoren und ihren Männerbünden, ausgehend von den prächtigen Geschäftshäusern rund um den Bahnhof, in der Multergasse, die im 19. Jahrhundert entstanden. Und wo sich ebenso prächtige Geschäftsleute einredeten, dass sie es bloss durch eigenen Fleiss und Klugheit zu einigem Vermögen gebracht hatten.
Sie liesse sich aber auch von ihren Rändern her erzählen: Etwa von dort, wo im Spätmittelalter ein Graben rund um die Stadt errichtet worden war, um sie zu schützen, sich abzugrenzen, jene auszuschliessen, die nicht dazugehören sollten. Dort am Rande der Stadt, an der nördlichen Altstadt, wurde 1841 ein Schulhaus eröffnet, dem man den einleuchtenden Namen „Grabenschulhaus“ gab. Rund vierzig Jahre später wurde dann die dazugehörige Turnhalle errichtet. Denkbar ist es, dass es im Jahr 1883 in dieser Halle Kinder die Sprossenwand hochgehetzt wurden oder an Ringen baumelten, als es gleich um die Ecke, beim Geschäftshaus des jüdischen Kaufmanns Louis Bamberger zu einem der grössten antisemitischen Krawalle der Schweiz kam. Mehr als 2000 Menschen hatten sich daran beteiligt.
Am scheinbaren Rand der Gesellschaft entfachten sich rund 100 Jahre später in zahlreichen Städten Europas Jugendunruhen. Jugendliche forderten kulturelle und politische Freiräume, besetzten Häuser, lieferten sich Auseinandersetzung mit Politik und Polizei. Auch in St.Gallen regte sich mit der obligaten zeitlichen Verzögerung eben jener Geist, der autonome Räume einforderte. Die Turnhalle, die nach dem Abbruch des Schulhauses 1971, noch von verschiedenen Turnvereinen genutzt wurde, bot Raum, diesem Bedürfnis nach aktueller, alternativer Kultur einen Platz zu bieten. Frei von allerlei- dem Konsum, der Konformität. Offensichtlich musste sich diese neue Form der Kultur, an den Rand gedrängt, ihren Platz in der Stadt erst erkämpfen. Während andere Institutionen wie das Stadttheater oder die Tonhalle fleissig gefördert wurden- notabene primär von jenen, die dann dort auch selbst verkehrten, gab es für neue Kulturförderung keinen Stutz. Gegen diese Ungerechtigkeit wurde die „Mobile Aktionshalle“ aktiv. Sie organisierte Anlässe in leerstehenden Liegenschaften, auf Plätzen und in Sälen und veranstaltete das erste Konzert in der Grabenhalle.
Die Raumfrage für Kultur wurde zu einem politischen Thema und die Aktivist:innen stellten klar: entweder Raum und Geld für neue Kulturformen oder Opposition gegen die etablierte, meist bürgerliche Kultur. Es gab hitzige Diskussionen, Schlagabtäusche im Gemeinde- und Stadtrat. Die Initiative kam zu Stande und tatsächlich, nach grossem Druck, gab es einen Gegenvorschlag, der akzeptabel war. An der Abstimmung vom 25. September 1983 wurde dieser mit 62,7 % von den Stimmbürger:innen angenommen. Das alles kam mit viel Kampf und Engagement zu Stande.
1984 wurde die Grabenhalle, in bescheidener Form, eröffnet. Gleichzeitig wurde die «IG Chole» gegründet, um mehr Geld für die Halle und auch Geld und mehr Raum für andere Formen aktueller und zeitgenössischer Kultur zu fordern. So entstanden dann auch das K59 (heute Kinok) oder die Kunsthalle. Endlich wurden verschiedene Projekte unterstützt. Dazu gesellte sich als eine Art Ansprechpartnerin die städtische Stelle für Kulturförderung.
Der Betrieb der Grabenhalle fing einfach und unkompliziert an, alles war noch sehr improvisiert. In der Comedia Buchhandlung, welche schon Zentrum des Abstimmungs-kampfes für die Halle war, konnten Termine reserviert und der Schlüssel abgeholt werden. Eine kleine Gruppe kümmerte sich um die Koordination, den Betrieb und Unterhalt. Die Infrastruktur der Halle war sehr bescheiden.
Die Nachfrage nach der Halle als Veranstaltungsort war gross und die Vielfalt der Veranstaltungen war riesig. Nun setzte sich der Kampf um weitere Verbesserungen fort. Durch stetigen Druck und geschicktes Verhandeln bekam die Halle mehr finanzielle Unterstützung und es fanden bauliche und technische Verbesserungen statt. Endlich gab es eine richtige Bar.
Es kam bald intern und in der Politszene zu Konflikten und heftigen Auseinandersetzungen über die Nutzung und das Engagement in der Halle. Einige sahen in der Halle einen Ort, um mit fragwürdige Kommerzanlässen Kohle zu machen, andere wollten nur mitreden und leisteten keinen Beitrag. Aus diesen Auseinandersetzungen entstand das Selbstverständnis, das bis heute Gültigkeit hat.
Die IG verhandelt mit der Stadt über eine Vertragsverlängerung und die notwendigen Umbauten für einen regelmässigen Betrieb. Der Grosse Gemeinderat beschliesst, den Vertrag zu verlängern und die nötigen Anpassungen für einen Dauerbetrieb vorzunehmen. Der Betrieb hat sich in der Region etabliert.Die «Mobile Aktionshalle» veranstaltet das erste Konzert in der Turnhalle.Seit dieser Zeit pulsiert diese Halle, bietet Anlass für Auseinandersetzungen und Diskussionen. Wie kommt man zu Geld, ohne die Haltung und Prinzipien über Bord zu werfen, die einem von Anfang an wichtig waren? Konsumfreiheit, Unabhängigkeit, Kampf dem Kommerz, dem Profit. Wie viel Professionalisierung braucht es, wie viel erträgt dieses Projekt, das immer in utopischer Bewegung bleiben soll? Und wo stösst Basisdemokratie auch an ihre Grenzen? Und warum war diese Halle so lange von Männern dominiert – auf und neben der Bühne? Bei all den Zweifeln realisieren aber immer wieder neue Generationen aufs Neue, wie wichtig diese Halle ist: nicht nur für sich selber, als ganz existentielle und politische Erfahrung, was es bedeutet, wenn wir gleichberechtigt, ohne Chef:innen, möglichst selbstverwaltet diesen Laden betreiben. Auch die Bedeutung für diese Stadt möchten wir nicht unterschätzen: Denn es fehlt zunehmend an Räumen, die Kultur nicht immer gleich von ihrer ökonomischen Verwertung her denken (müssen). Eine gemeinschaftliche Finanzierung durch Subventionen ermöglicht es, Veranstaltungen durchzuführen, die nicht profitabel sind, erlaubt Experimente, gibt Raum und Zeit und Vertrauen für Kultur. Die Grabenhalle, da am ehemaligen Rande der Stadt, ist in ihrer Mitte angekommen, wirkt herausgeputzter als auch schon. Da lohnt es sich umso mehr in Bewegung zu bleiben und neue Ränder zu erkunden. Dort ist es ohnehin meistens aufregender.
Meilensteine.
1981
Die «Mobile Aktionshalle» veranstaltet das erste Konzert in der Turnhalle.
1982
Die ersten nicht-kommerziellen Veranstaltungen werden vom St. Galler Sportamt bewilligt. Die IG Aktionshalle Graben wird gegründet und ist bis heute Trägerin der Grabenhalle.
1983 – 1986
Der Abstimmungskampf wird Ende September 1983 gewonnen. Durch unermüdlichen Einsatz gelingt es den IG-Mitglieder, ihr Anliegen durchzubringen. Am 05. Mai 1984 wird die Grabenhalle nach kurzer Umbauzeit eröffnet.
1987 – 1994
Die IG verhandelt mit der Stadt über eine Vertragsverlängerung und die notwendigen Umbauten für einen regelmässigen Betrieb. Der Grosse Gemeinderat beschliesst, den Vertrag zu verlängern und die nötigen Anpassungen für einen Dauerbetrieb vorzunehmen. Der Betrieb hat sich in der Region etabliert.
1995 – 2002
Umbau und Sanierung der Halle, ein neu gebautes Foyer schafft mehr Platz. Der provisorische Betrieb einer Gästegarderobe startet und wird bald fester Bestandteil des Betriebes. Die Musik-Anlage wird fest in der Halle installiert und kann gemietet werden.
2003 – 2013
Die Bar wird ausgebaut und die Aussenfassade wird mit Plakatwänden bestückt. Seit dem Umbau 1997 wird erstmals das Foyer renoviert, der Backstagebereich mit WC und Dusche versehen. Die Bürostelle wird ausgebaut, das Arbeitspensum erhöht, die Öffnungszeiten verlängert, so dass sich drei Leute eine 100% Stelle teilen.
2014 – 2023
Der Boden wird saniert und weitere Arbeiten halten die Halle in Stand. Mittels baulicher Anpassungen wird die Sicherheit der Gäste auf den neusten Stand gebracht und ein Bar-Umbau ermöglicht es, endlich Mehrwegbecher einzusetzen. Die Corona-Krise löst Unbehagen aus und verlangt viel Flexibilität von allen Beteiligten.
2024
Die Grabenhalle feiert ihr 40jähriges Jubiläum mit verschieden Anlässen wie Konzerten, Podiumsdiskussionen, Theaterwoche, einer Plakat- und Fotoausstellung und nicht zuletzt mit dem zweitägigen Festival «Grabenpark» im Stadtpark der Stadt.